Freitag, 22. September 2017
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Aus der Tiefe geboren

Andere Aufzughersteller erproben ihre Anlagen in Türmen. Kone testet neue Technologien in der (noch aktiven) Mine Tytyri im finnischen Lohja, gerade einmal 50 km Luftlinie entfernt von Helsinki.

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Der Besucherbereich des Kone-Testzentrums wurde neu gestaltet. (Foto: © Kone)

In den vergangenen zwei Jahren wurde das Testzentrum aufwendig erweitert, um die Kapazitäten zu erhöhen und noch aufwendigere Highrise-Systeme erproben zu können. Über 60 Kilometer Länge haben die Arbeiter Straßen und Wege in den Kalkstein geschlagen, der heute in 370 m Tiefe bei kontinuierlichen 8 Grad Celsius abgebaut wird. Es ist ein unwirtlicher Ort, an dem die Zeit stehengeblieben scheint.

Was die meisten Besucher des Minenmuseums nicht ahnen: Nur wenige Meter entfernt betreibt Kone in den Tiefen der Tytyri-Mine eines der modernsten Testzentren der Aufzugbranche weltweit. „Das war schon eine richtig clevere Idee“, sagt Antti Hoppaina, Qualitätsleiter in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Konzerns. „Die Schächte waren ja schon gegraben. Wir mussten nur zugreifen.“

Zahl der Aufzugschächte von vier auf elf erhöht

HandwerkKlar: Das Unternehmen hätte auch Testtürme bauen können, so wie im Forschungszentrum Hyvinkää oder im chinesischen Kunshan. 2014 wurde die Anlage hier mit 236 m Höhe und zwölf Aufzugsschächten eröffnet. „Aber die Bedingungen hier in Lohja sind einmalig“, sagt Hoppaina. „Das konstante Mikroklima mit seiner niedrigen Temperatur und der hohen Luftfeuchtigkeit ist optimal für die Versuche, bei denen unsere Ingenieure auf gleichbleibende Bedingungen angewiesen sind.“

Und natürlich lässt sich ein Testturm nur schwer erweitern – eine Anlage, die wie Tytyri im Fels liegt, dagegen schon. Zwei Jahre dauerte die Erweiterung, bei der die Zahl der Aufzugschächte von vier auf elf erhöht wurde. Gesamtlänge: rund 1,6 km. Maximale Tiefe eines Schachtes: rund 200 m. Dabei sind vier der Schächte für niedrige und mittelhohe Anlagen, sieben Schächte für hohe und höchste Aufzüge konzipiert. Das zeigt, wohin die Reise geht. ´

Tiefe Schächte für höchste Gebäude

„Die Weltbevölkerung wächst, die Menschen ziehen in die Städte, deren Gebäude immer höher werden und immer größere Verkehrsströme bewältigen müssen“, skizziert Kone-Technikvorstand Tomio Pihkala die Lage. „Dafür entwickeln wir Lösungen, die wir unter realistischen Bedingungen auf Herz und Nieren testen.“

Ein Beispiel ist der UltraRope, ein Hochleistungsriemen für Aufzüge mit Polyurethan-ummantelten Kohlefasersträngen, der bei Förderhöhen von 200 m und mehr die herkömmlichen Stahlseile ersetzen kann, bei Förderhöhen ab 500 m sogar ersetzen muss. So wie im 1.007 m hohen Jeddah Tower.

Dort werden ab 2019 die mit 10 m/s (36 km/h) weltweit schnellsten zweistöckigen Aufzüge verkehren und dabei die bis dahin unerreichte Förderhöhe von 660 m überwinden – ein Doppelrekord. „Bislang war bei 500 m Förderhöhe Schluss und die Fahrgäste mussten umsteigen, jetzt können wir bei Bedarf 1.000 m nonstop überwinden“, sagt Pihkala.

Konkrete Anlagenkonfigurationen erproben

HandwerkDie Tests in Tytyri legten dafür die Grundlage. Ausgiebig erprobten die Ingenieure in der Mine die Förderriemen auf Dauerbelastung, Temperatur- und Reibungseigenschaften und anderes mehr. Auch konkrete Bauvorhaben werden in Tytyri vorbereitet. Jüngstes Beispiel: der mit 528 m künftig höchste Turm Pekings, der China Zun.

79 Aufzüge und 21 Doppeldecker-Anlagen sollen installiert werden, davon elf mit UltraRope-Hochleistungsriemen. „Dafür ist Tytyri ideal: Weil wir die Kapazität und die Möglichkeit haben, die ganz konkreten Anlagenkonfigurationen zu erproben“, sagt Pihkala.

Schon die Einrichtung von Tytyri ging auf den Höhendrang der Architekten und Investoren zurück. In den 1970er-Jahren hatte Kone die europäischen Niederlassungen von Westinghouse erworben, in den 1990er-Jahren kam die australische EPL hinzu. „Mit beiden Akquisitionen wurden wir zum Akteur im Highrise-Segment: im Neubau wie in der Wartung. Und dafür brauchten wir ganz neue Testmöglichkeiten“, sagt Qualitäts-Experte Antti Hoppaina.

Nichts, was nicht getestet wird

Zur Arbeit an den Prestigeprojekten kommt der „normale“ Testbetrieb hinzu: viel vergleichsweise unspektakuläre Arbeit, die dafür sorgt, das große und kleine Anlagen weltweit reibungslos laufen. „Das ist ein ganz breites Programm“, sagt Hoppaina. „Wir machen Komforttests, bei denen wir Geräuschentwicklung und Vibrationen von Aufzügen messen. Dann haben wir Tests zur Erprobung neuer Komponenten. Und dann gibt es natürlich Beschleunigungstests mit den Antrieben, die wir kontinuierlich weiterentwickeln.“

HandwerkDazu gehört die Erprobung der Bremssysteme, die alles andere als „normal“ ist. Wer einmal bei einem Freifalltest – natürlich nicht in der Kabine – dabei war, wer erlebt hat, welche enormen Kräfte auftreten, wenn der Fahrkorb auf bis zu 26 m/s (93,6 km/h) beschleunigt, um dann von der Fangvorrichtung wenige Meter über dem Boden der Schachtgrube abrupt auf Tempo Null gebracht zu werden, der vergisst das Erlebnis nie.

„Das ist sicher das Extremste, was wir hier machen und natürlich der Höhepunkt der Führungen“, sagt Technikvorstand Pihkala. Wobei überwiegend Kunden Zutritt zum neugestalteten Besucherbereich des Testgeländes bekommen. Knapp 1.500 Gäste werden 2017 erwartet.

Was Männer wirklich interessiert

Und welche Frage wird am häufigsten gestellt? „Wie schnell die schnellsten Aufzüge fahren“, sagt Pihkala. „Gerade für Männer ist das offenbar eine wichtige Frage“, schiebt er hinterher und lächelt.

Tatsächlich geht es in den Schächten rasant zu. Mit bis zu 19 m/s bewegen sich die Kabinen. Umgerechnet sind das fünf bis sechs Stockwerke pro Sekunde. Oder 68,4 km/h. „Das sind Belastungstests für die Technik, mit denen wir die Grenzen des technisch Machbaren ausloten, aber auch die Aerodynamik der Kabine optimieren wollen“, sagt Pihkala. Zudem wird mit Simulationsprogrammen erforscht, wie sich Geschwindigkeiten und Druckveränderungen auf den menschlichen Körper auswirken.

Intelligente Systeme zur Aufzug- und Benutzersteuerung

Dass Nutzer künftig mit derartigem Tempo zu ihrer Wohnung oder zu ihrem Büro gebracht werden, ist dennoch (derzeit) eher unwahrscheinlich. „Bei so hohen Geschwindigkeiten, zumal in großen Höhen, müssten wir die Kabinen mit Systemen zum Druckausgleich ausstatten, damit die Nutzer keine Ohrenschmerzen bekommen“, sagt Pihkala. „Das kommt aber teuer und daher ist bei 10 m/s sinnvollerweise Schluss.“

HandwerkDass die Maximalgeschwindigkeit nicht das Maß aller Dinge ist, sieht man auch beim Londoner Leadenhall Building. Dort sind die Aufzüge mit „nur“ 8 m/s (28,8 km/h) unterwegs und benötigen dennoch nur 30 Sekunden für maximal 225 m Förderhöhe.

„Damit die Nutzer schnell vorankommen, setzten die Planer besser auf umsteigefreie Verbindungen, wie sie durch den UltraRope möglich werden, und intelligente Systeme zur Aufzug- und Benutzersteuerung. Solche Systeme, die Kone als People Flow Intelligence-Lösungen anbietet, werden ebenfalls in Tytyri erprobt. Aber das ist eine andere spannende Geschichte.

www.kone.de

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