Sonntag, 21. Oktober 2018
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Als die Treppe noch ein Aufzug war

Vor 125 Jahren wurde die Rolltreppe geboren, die unsere Städte und unser Leben verändert hat – Zeit zurückzublicken.

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Kunden fahren auf der alten hölzernen Rolltreppe im Flagship-Store von Macy‘s am Herald Square in New York. Bei der 400 Millionen Dollar teuren Restaurierung legte das Kaufhaus Macy‘s Wert darauf, die ursprüngliche hölzerne Rolltreppe aus den 1920er Jahren zu erhalten. (Foto: © Richard Levine/Alamy)

Ein Rückblick auf die Anfänge der Technik, die noch weiter zurückliegen und auf dem Land zu suchen sind: in Saugus im Nordosten der USA, der Heimat von Nathan Ames, der als Erfinder der Rolltreppe in die Geschichte eingehen sollte.

Entwürfe bloße Ideen

Mit seinen dampfbetriebenen (!) "revolving stairs", "umlaufenden Treppen", wollte Natahn Ames den Weg ins obere Stockwerk erleichtern. Doch taugten sie nicht für die Praxis, ebenso wenig wie seine Doppeltreppe, bei der es auf einer Seite aufwärts und auf der anderen gleich wieder abwärts geht – eine Höllentreppe für Wagemutige, auf die er gleichwohl am 9. August 1859 das US-Patent erhielt.

So blieben seine Entwürfe bloße Ideen, ebenso wie die Ideen von Leamon Souder aus Pennsylvania, der ebenfalls eine rollende Treppe entwickelte und dafür 1889 das erste von mehreren US-Patenten erhielt. Vielleicht legten es die beiden Erfinder aber gar nicht auf die Praxis an, kamen sie doch aus Kleinstädten, die keine Rolltreppen brauchten.

Jesse W. Reno erfindet den Rollsteig

Viel größere Wirkung hatte Jesse W. Reno. Der New Yorker Ingenieur erhielt 1892 das US-Patent auf den "endless conveyor or elevator", den er 1895 auf dem Vergnügungspark Coney Island installierte: ein Förderband, das bis zu 3.000 Personen in der Stunde über eine 25-Grad-Schräge 2,10 m in die Höhe befördern konnte.

HandwerkDamit hatte Reno den Rollsteig erfunden, der noch vor den ersten Rolltreppen populär wurde. Um 1900 herum fanden sich Reno-Anlagen in größeren US-Kaufhäusern und vielen U-Bahn-Stationen und Vorortbahnhöfen New Yorks, das bereits auf 3,4 Millionen Einwohner kam. Doch auch Großbritannien und Frankreich begeisterten sich für die Technik, die im Crystal Palace, auf der Pariser Weltausstellung 1900, in Warenhäusern und Bahnstationen für Furore sorgte.

Bald stiegen andere ins Geschäft ein, zum Beispiel Piat, das 1898 Britanniens ersten Rollsteig in Londons Nobelkaufhaus Harrods installierte: Die 12-Meter-Anlage mit ihrem Förderband aus 224 Lederstücken sollte die betuchten Besucher ins erste OG hinauf transportieren – und zum Kauf einer Anlage inspirieren. In Deutschland wiederum installierte die Peniger Maschinenfabrik, Abteilung Unruh & Liebig, 1898 den ersten Rollsteig in den Verkaufsräumen von August Polich, Leipzig.

Die Geburt der Rolltreppe

Die erste praxistaugliche Rolltreppe erfand der US-Amerikaner George A. Wheeler. Vor 125 Jahren, am 2. August 1892, erhielt der Offizier das Patent auf den "new and useful elevator" mit beweglichen Stufenelementen, einem Elektroantrieb am Kopf, Handlauf mit eigenem Antrieb und Auslaufbereichen.

Umgesetzt wurde die Erfindung aber von anderen: zunächst Charles D. Seeberger, der sein Patent aufkaufte, und dann von der Otis Company, mit der Seeberger ein Fertigungsabkommen schloss, bevor er ihr das Patent ganz überließ. 1899 baute das Unternehmen den ersten Prototyp der Rolltreppe.

Seeberger erfand übrigens auch den Begriff "escalator", der an den "elevator" erinnern sollte. Wie der Aufzug sollte auch der "escalator" – den man damals wie das Förderband bzw. den Rollsteig oft nur "inclined elevator" nannte – Menschen aufwärts tragen und zwar mittels einer beweglichen Treppe. Daher steckt das italienische "scala" (Treppe) ebenso im Begriff wie das englische "escalade", das so viel wie "Erstürmung" bedeutet. Schließlich galt die Rolltreppe als Symbol für eine neue, dynamische Zeit, in der U-Bahnen, Aufzüge und Fließbänder Leben und Arbeit beschleunigten.

Begriffswirrwarr

Der Begriff "escalator", der bis in die 1950er-Jahre ein Markenname der Otis Company war, sorgt noch immer für Verwirrung. So veröffentlichten am 15. März dieses Jahres zahlreiche Medien Beiträge über den angeblich 125-jährigen Geburtstag der Rolltreppe.

HandwerkTatsächlich ging am 15. März 1892 beim US-Patentamt der Antrag für den Rollsteig ein, der tatsächlich ein Förderband war – und zwar von Jesse Reno, der damit irrtümlich zum Erfinder der Rolltreppe gemacht wurde. Originell war an den frühen Rolltreppen der Ausstieg: Ein Geländer quer über den Stufenbereich lenkte den Nutzer zu Ende seiner Fahrt zur Seite weg. Es galt zu verhindern, dass Schuhe oder Kleidung mit den Stufen eingezogen wurden, die noch keine Rillen besaßen.

Das änderte sich, als Otis 1911 die Reno Electric Stairway and Conveyor Company und mit ihr die Rollsteig-Produktion übernahm. Otis produzierte nun beide Systeme parallel, bis es in den 1920er-Jahren eine Neukonstruktion der Rolltreppe auf den Markt brachte: mit den Stufenrillen und dem Kamm der Reno-Rollsteigkonstruktion, womit auch der seitliche Ausgang entfiel. Ein solches Modell kam 1925 auch im Berliner Kaufhaus Tietz zum Einsatz, das damit die offenbar erste Rolltreppe Deutschlands erhielt. Als schließlich 1938 die enggerippte Metallstufe Einzug hielt, entstand die moderne Rolltreppe entstanden, wie wir sie heute kennen.

Die Entwicklung geht weiter

Heute sind allein in Deutschland mehr als 35.000 Rolltreppen in Betrieb, wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau schätzt. Jedes Jahr kommen um die knapp 400 bis 500 Anlagen hinzu. Von ihren Ahnen unterscheiden sich die modernen Anlagen gerade im Hinblick auf Raum- und Energieeffizienz. So entwickelte Kone Mitte der 1990er-Jahre die erste "grüne" Rolltreppe, die kein Öl mehr für die Stufenbandkette und inzwischen auch kein Schmiermittel für den Handlaufkette benötigt.

Zukunftsweisend ist auch die Platzierung des Antriebs im Stufenband, kombiniert mit einem Planetengetriebe – eine Lösung, die erstmals Anfang der 1990er-Jahre in Rolltreppen von Kone realisiert wurde.

Bei den beiden Bogenrolltreppen, die das Unternehmen für die Hamburger Elbphilharmonie entwickelte, kamen gleich vier dieser Asynchronantriebe zum Einsatz: platzsparend, ölfrei, gut belüftet und hoch energieeffizient. "Die Anlagen haben Vorbildcharakter", sagt Kone Projektleiter Heinrich Zeiger "Ein höherer Wirkungsgrad als hier ist bislang wohl nirgends erreicht worden."

Nicole Köster, Leiterin Marketing & Kommunikation, Kone GmbH

www.kone.de

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