Samstag, 17. November 2018
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Bewegende Geschichte(n) aus Valparaíso

Sie klappert und knarzt, scheppert und schleift. In der wackelnden Kabine sitzen ältere Passagiere auf einer Bank, daneben steht man dicht gedrängt.

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Die Standseilbahn von Valparaíso. (Quelle: Bendl)

Komfortabel ist das zwar nicht, doch die Standseilbahn funktioniert, und das seit inzwischen mehr als hundert Jahren. 80 Sekunden dauert die Fahrt: 175 Meter Schienen führen den Ascensor Artillería 48 Höhenmeter vom Hafen bis auf den Hügel Artillería. Von dort hat man die schönste Sicht auf die Bucht von Valparaíso.

Technische Lösung gesucht

HandwerkDie chilenische Küstenstadt Valparaíso war bis zum Bau des Panama-Kanals Südamerikas wichtigster Hafen am Pazifik. Nah am Wasser lagerten die Güter. Wer es sich leisten konnte, wohnte aber in den Vierteln auf den steil aufragenden Hügeln. Doch weil das Treppensteigen auf Dauer zu beschwerlich war, suchte man nach einer technischen Lösung, um den Höhenunterschied zu überwinden.

"Ascensores", also Aufzüge, nennt man die historischen Verkehrsmittel in Chile, auch wenn es sich eigentlich um Standseilbahnen handelt. Das Prinzip ist schnell erklärt: Zwei Wagen fahren auf den Metallschienen einer zweigleisig angelegten Strecke und sind per Drahtseil fest miteinander verbunden.

Sie halten sich etwa im Gleichgewicht: Für den Antrieb der Kabinen muss der auf die Seilscheibe in der Bergstation wirkende Elektromotor deshalb nicht viel Energie aufwenden. Als Valparaíso boomte, gab es über 30 Standseilbahnen. Heute existieren noch 16 Aufzüge, doch nur acht sind derzeit in Betrieb. Der älteste fährt seit 1883 von der Calle Prat auf den 45 Meter hohen Cerro Concepción.

Wichtiges Transportmittel für die Einwohner

HandwerkZwar sind die Ascensores von Valparaíso heute eine Touristenattraktion. Doch sie bleiben ein wichtiges Transportmittel für die Einwohner, so wie auch Bus und U-Bahn. Zwischen 15 und 50 Cent kostet die einfache Fahrt, in Betrieb sind sie jeden Tag von 7 bis 23 Uhr. Ein Team von "Ascensoristas" sorgt dafür, dass es keine Ausfälle gibt – die Standseilbahnen werden alle noch von Hand gesteuert.

Und es sollen wieder mehr werden: Mit einem Investitionsprogramm bringt die Regierung neun Ascensores auf Vordermann, darunter auch fünf, die schon länger außer Betrieb sind. Denn Valparaísos historischer Stadtkern ist UNESCO-Weltkulturerbe – und dazu zählen auch die mehr als hundert Jahre alten, klappernden und knarzenden, scheppernden und schleifenden Standseilbahnen.

Von Helge Bendl

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