Montag, 19. November 2018
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Liftgeschichten: Die Phantasie beflügelnd

Der Kontrast hätte größer nicht sein können: Zwischen einem Mühlenlift aus dem 19. Jahrhundert, einem Aufzugsantrieb der Firma Lochbühler aus den 60er-Jahren und einem Paternoster von 1924 sang und las Arnim Töpel Ernstes, Heiteres, Unheimliches und Besinnliches zum Thema Aufzug.

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Eindrucksvoll setzte der Kabarettist und Musiker aus der Kurpfalz im Aufzugsmuseum im Seckenheimer Wasserturm in Szene, wie sehr das kleine Beförderungsvehikel Dichter und Denker inspiriert.

Traumdeutung und Kinderphantasie

Mit einem selbst komponierten Eingangslied vom Heben, Liften und Schön sein entführte der feinsinnige Künstler sein Publikum in die Welt von Heinrich Böll und Franz Kafka, Traumdeutung und Kinderphantasie. Der Protagonist aus Bölls Erzählung "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen" etwa braucht das Paternosterfahren als tägliches Ritual.

"Er brauchte diese Angst, wie andere ihren Kaffee, ihren Haferbrei oder ihren Fruchtsaft brauchen", schreibt Böll. "Wenn er im zweiten Stock vom Aufzug absprang, war er heiter und gelassen." Bei Kafka hingegen wird im Roman "Amerika" der Lift zum Albtraum.

HandwerkVerspricht man dem in die neue Welt ausgewanderten 16-jährigen Karl Roßmann im Hotel mit der Anstellung als Liftboy "jeden Tag die Möglichkeit, zu etwas Besserem zu gelangen", so wird er - mit der kafkaesk unmenschlichen Strenge der Mächtigen - nach einem winzigen Fehler gleich wieder entlassen. Im dem Film "Fahrstuhl zum Schafott" zugrunde liegenden Roman schließlich wird der Aufzug gar zum Gefängnis, zur Hölle geradezu.

Benimmregeln im Aufzug

Ganz anders im Buch "Fahrstuhl zu den Sternen" des englischen Autors Arthur Clarke. In seinem Science-fiction-Roman dient das technische Wunderwerk Weltraumlift im 22. Jahrhundert dazu, fremde Welten zu erkunden und Außerirdische zu treffen. Im Kinderbuch "Charlie und der große gläserne Fahrstuhl" von Roald Dahl schließlich verbinden sich all diese zukunftsweisenden, unheimlichen, bedrohlichen und phantastischen Vorstellungen zu einem kindlichen Phantasiegebilde - mit Happy End natürlich.

Neben den ausdrucksstark und ohne jedes Pathos vorgetragenen Texten bereicherte Arnim Töpel den Abend neben seinen stimmungsvollen Liedern am Klavier auch mit oberflächlich Heiterem: Benimmregeln im Aufzug, im Knigge nachzulesen, und banalen Traumdeutungsideen, die allen Ernstes den nach oben fahrenden Lift als Reifeprozess interpretieren, den abstürzenden hingegen als Hinweis, dass etwas im Leben außer Kontrolle geraten sei. Das sonst konzentriert lauschende Publikum honorierte auch solche Späße - und lachte.

Von Bettina Heimsoeth

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