Sonntag, 18. November 2018
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Mit Seil, Netz und Gottvertrauen

In der Mitte Griechenlands, am Rande der Ebene Thessaliens ragen die Meteora-Felsen 400 Meter in den Himmel.

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Der wundersame Aufzug zum Kloster Agios Nikolaos Anapafsas - Frater Gregory liebt und nutzt ihn. (Quelle: Frater Gregory Edward)

In schwindelerregender Höhe, an den steilen Abgründen siedelten sich seit dem elften Jahrhundert Klöster an. Doch wie konnten die prächtigen Klöster auf den unzugänglichen Felsen entstehen? Am Anfang bauten die Mönche Leitern aus Holzstufen, die sie in die Löcher der Felswand stemmten.

Auch Strickleitern kamen zum Einsatz. Später wurden primitive Aufzüge für den Auf- und Abstieg und die Beförderung von Baumaterial verwendet: Netze wurden an Seilen befestigt und mit Holzwinden hinaufgezogen. Soviel ist historisch überliefert. Unbeantwortet bleibt die Frage, wie viel Überwindung und Glaubenskraft die Mönche für diese Fahrten aufbringen mussten.

Natur- und Kulturerbe der UNESCO

Noch heute werden Netze benutzt, um Waren zu befördern. Der Aufstieg ist jedoch nicht mehr mit Nervenkitzel verbunden, denn Anfang des 20. Jahrhunderts wurden zur Erschließung der Klöster Treppen und Straßen gebaut. Damit sind sie für Touristen sicher zu erreichen – schließlich sind die Meteora-Klöster Natur- und Kulturerbe der UNESCO.

Von den ehemals 24 Klöstern sind heute noch sechs bewohnt. Darunter das Kloster Agios Nikolaos Anapafsas. Da der Platz auf der Felsspitze begrenzt ist, besteht das Kloster aus einem dreistöckigen Bau. In den unteren Etagen befinden sich Schlafstätten, Gebets- und Lagerräume, der Eingang liegt im obersten Stockwerk, das über eine lange Steintreppe erschlossen ist.

Förderhöhe beträgt rund 20 Meter

Alle Besucher müssen den Weg über diese Treppe nehmen. Nicht aber die Mönche: Sie haben einen Aufzug. Da es unmöglich war, an der Felswand einen Aufzugschacht zu errichten, wurde auf ihn verzichtet. Der Fahrkorb besteht aus massiven Stahlblechen und wird durch Rollen an vier Stahlseilen geführt. Die Türen – es handelt sich um herkömmliche Zimmertüren – werden manuell geschlossen, oder bleiben offen, wenn man das Panorama genießen möchte.

Jeweils mittig auf der linken und rechten Seite kommen zwei weitere Stahlseile für die Aufhängung zum Einsatz. An diesen Seilen wird der Fahrkorb hinabgelassen oder hochgezogen, für die Bewegung sorgt ein unter dem Klosterdach installierter Elektromotor, die Seile werden auf einer Trommel aufgewickelt.

Die Förderhöhe beträgt rund 20 Meter, das zulässige Gesamtgewicht ist unbekannt – die Nutzerzahl bleibt jedoch überschaubar, denn es leben nur zwei Mönche im Kloster. Für sie ist der Aufzug eine große Erleichterung, müssen sie doch alle Waren in die dritte Etage schaffen. Der Kloster-Aufzug mag nicht dem Stand der Technik entsprechen – die Mönche lieben und nutzen ihren Aufzug nichtsdestotrotz.

Von Stathi Vassiliadis

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