Eine Antwort darauf gibt der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, Tim-Oliver Müller, im exklusiven Interview mit dem LIFTjournal.
Herr Müller, welche Bilanz ziehen Sie für die Lage im Hochbau 2025?
Müller: 225.000 in 2025 – die anvisierte Zahl der fertiggestellten Wohnungen kann und sollte die Politik nicht zufriedenstellen. Aber auch für die Wirtschaftskraft der Branche war das vergangene Jahr kein gutes, im Wohnungsbau schließen wir mit einem Umsatz-Minus von drei Prozent ab. Ähnlich verhalten fällt auch unsere brancheninterne Umfrage aus, wonach nur 27 Prozent der befragten Unternehmen das Auftragsvolumen als gut bezeichnen. Ich würde sagen: Da ist Luft nach oben, aber: Wir blicken optimistischer in 2026.
Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie Foto: © HDB/Mark BollhorstWird die Talsohle im Hochbau dieses Jahr endlich durchschritten sein?
Müller: Ich sehe Licht am Ende des Tunnels, ja. Dass die Bundesbauministerin KfW-Förderprogramme fortführt, leicht aufgestockt hat und verbesserte Zinskonditionen ermöglicht, dürfte 2026 zu einer Stabilisierung im Wohnungsneubau beitragen. Dazu könnte auch die einmalige Förderung des EH-55-Standards in Höhe von insgesamt 800 Millionen Euro beitragen, auch wenn die Abrufraten derzeit noch sehr verhalten sind. Deshalb kann dies nur ein Anfang sein, um die Notlage am Wohnungsmarkt aufzulösen. Neben einer verlässlichen staatlichen Förderung müssen kostentreibende Rahmenbedingungen weiter reduziert werden. Erste Eckpunkte für den Gebäudetyp E und die angekündigte Novellierung des Baugesetzbuches gehen in die richtige Richtung.
Wo steht die deutsche Bauwirtschaft bei der Bautätigkeit im europäischen Vergleich?
Müller: Auch in anderen europäischen Märkten war der Wohnungsbau im vergangenen Jahr weiter rückläufig. Es gibt allerdings auch Länder, die im Vergleich zu Deutschland besser dastehen. Während wir in Deutschland seit 2020 mit sinkenden Fertigstellungszahlen zu kämpfen haben, sehen wir in Irland, Polen und der Schweiz eine deutlich höhere Fertigstellungsquote im Wohnungsbau.
Da sich die Rahmenbedingungen, wie Verbraucherpreisinflation, Hypothekenzinsen und Baukosten, leicht verbessert haben, dürfte sich die Bauwirtschaft in vielen europäischen Ländern – insbesondere ab 2027 – wieder etwas positiver entwickeln. Sowohl für den deutschen als auch den europäischen Markt ist zu erwarten, dass der Neubau in den kommenden Jahren wieder mehr Fahrt aufnehmen dürfte. Wenngleich die leicht positive Entwicklung vor dem Hintergrund der hohen Einbußen in den vergangenen Jahren gesehen werden muss. Auch der Tiefbau dürfte sich angesichts des angestrebten Ausbaus und der Sanierung der europäischen Verkehrs- und Energieinfrastruktur deutlich positiv entwickeln.
Foto: © Bauindustrie/Kraus/Statistisches Bundesamt Was machen andere Staaten in Europa besser?
Müller: Wenn man in andere Staaten nach Europa blickt, zeichnet sich ein vielfältiges Bild. Generell müssen wir feststellen, dass einige europäische Länder wie die Niederlande, Dänemark oder Belgien eine höhere Produktivität im Bausektor aufweisen. Das ist maßgeblich auf die Rahmenbedingungen zurückzuführen. In diesen Ländern wird Bauen und Planen häufiger zusammengedacht, es kommen effiziente und weniger kleinteilige Vertragsmodelle zum Einsatz, und die Digitalisierung wird sehr gut genutzt. Der Bau ist weniger stark reglementiert, es werden Ziele anstelle von Standards vorgegeben.
Foto: © Bauindustrie/Kraus/Statistisches Bundesamt In Irland hat beispielsweise die Einführung sogenannter "Planning Consultants" die Schnittstellenprobleme zwischen Planung, Bau und Verwaltung reduziert und damit die Effizienz im Bau gesteigert. Entscheidend für den Erfolg der integrierten Planung ist dabei nicht, dass Architekten ihre Unabhängigkeit verlieren, sondern dass Planung und Bau als kommunizierende Röhren verstanden werden, sodass Anpassungen der Pläne bei der Identifikation von Umsetzungsproblemen auch möglich sind.
An welchen Stellschrauben muss in Deutschland gedreht werden, damit die Bautätigkeit stärker wächst? Zündet der Bau-Turbo inzwischen?
Müller: Mit dem Bau-Turbo hat die Bundesregierung ein mutiges Gesetz auf den Weg gebracht, um Städten und Gemeinden mehr Flexibilität bei der Erteilung von Baugenehmigungen zu geben. Erleichterungen bei Nachverdichtung und Aufstockung sind dabei ebenso wichtig wie eine maximale Genehmigungsdauer von drei Monaten. Es ist also mehr ein Planungs- als ein Bau-Turbo.
Doch dieser muss auch zünden: Hierfür brauchen Kommunen die nötige politische Rückendeckung, um schnelle Entscheidungen vor Ort zu treffen und die neu eröffneten Ermessensspielräume auch zu nutzen. Die Ankündigung von Bundesbauministerin Verena Hubertz, diese Unsicherheiten mit gezielten Entscheidungshilfen und Dialogformaten aufzufangen, ist deshalb richtig. Aktuell sehen wir noch große Unterschiede innerhalb der Kommunen bei der Vorbereitung und Anwendung des Bau-Turbos.
Foto: © Bauindustrie/Kraus/Statistisches Bundesamt Klar ist aber auch, dass der Bau-Turbo nicht der alleinige Heilsbringer für mehr Wohnungsbau in Deutschland sein kann. Schließlich ändern schnellere Genehmigungsverfahren nichts an hohen Baukosten oder überzogenen, gesetzlich verankerten Anforderungen an Wohngebäude. Deshalb ist es nach wie vor wichtig, alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit wir wieder einfacher bauen können als bisher.
Wie kann der geplante Gebäudetyp E dazu beitragen, den Wohnungsbau zu beschleunigen?
Müller: Bauen muss dringend wieder bezahlbar und einfacher werden. Dadurch steigen nicht nur die Fertigstellungszahlen im Wohnungsbau, sondern Mieten werden durch ein größeres Angebot auch wieder erschwinglich. Der Gebäudetyp E könnte, politisch richtig aufgesetzt, eine wichtige Weichenstellung sein, wieder einfacher und kostengünstiger zu bauen. Aber: Der Gesetzesentwurf verzögert sich, wichtige Fragen sind offen – etwa die technische Ausgestaltung eines "einfacheren Standards" jenseits der "anerkannten Regeln der Technik" oder Möglichkeiten zur Standardisierung wie im "Hamburg-Standard". Eine rechtssichere Umsetzung von Bauprojekten ist daher vor 2030 kaum realistisch.
Wie wirkt sich eine bessere und langfristigere Ausstattung der Förderprogramme der staatlichen Förderbank KfW auf die Bautätigkeit aus?
Müller: Der Wohnungsbau braucht Verlässlichkeit, Vertrauen und zuallererst, aber nicht nur, eine auskömmliche und vereinfachte Förderkulisse, um den Motor erst einmal wieder in Schwung zu bringen. Dabei kann es jedoch nicht bleiben. Langfristig müssen die Baukosten sinken. Das geschieht durch einen Abbau von überbordender Regulatorik und nicht zeitgemäßer Auflagen, durch Prozessoptimierung von Genehmigung und Planung und niedrigere Kosten durch industrielle Bauweisen.
Inwiefern ist das serielle Bauen geeignet, Bauprojekte schneller umzusetzen oder dem Neubau mehr Impulse zu geben?
Müller: Das serielle Bauen kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Abläufe im Wohnungsbau zu beschleunigen und effizienter zu gestalten: schnellere Verfahren, niedrigere Kosten und eine höhere Standardisierung. Genau hier setzt serielles Bauen an.
Foto: © Bauindustrie/Steffen/Kraus/Statistisches Bundesamt Ein Paket an schnellen Genehmigungen, reduzierten Anforderungen, industrieller Bauweise und mehr staatlicher Förderung könnte dann in der Tat ein entscheidender Game-Changer für mehr bezahlbaren Wohnraum werden.
Was hat es mit dem Mitte Dezember von der EU-Kommission verabschiedeten "Wohn-Paket" auf sich, und wie wird es sich auf den Hochbau in Deutschland auswirken?
Müller: Wir erwarten einen leicht positiven Effekt durch das europäische "Wohn-Paket". Unter anderem durch die Anpassung der Beihilferegelung, die staatliche Investitionen über den sozialen Wohnungsbau hinaus vereinfachen werden. Auch die Aufstockung der EU-Fonds für den Wohnungsbau und die Vereinfachung der EU-Regulatorik wird die Rahmenbedingungen für den Bau verbessern. Es muss aber auch klar sein, dass die EU nur an kleinen Stellschrauben drehen kann, daher ist es weiterhin unerlässlich, dass in Deutschland Reformen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene angegangen werden.
Die Fragen stellte Bernd Lorenz.
Bauindustrie: Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) ist ein Zusammenschluss von zehn Landesverbänden und acht Fachverbänden, die als außerordentliche Mitglieder hinzukommen. Als Spitzenorganisation der Bauindustrie vertritt der HDB die Interessen großer und mittelständischer, häufig familiengeführter Unternehmen der Bauindustrie gegenüber Politik, Verwaltung und Gesellschaft in Deutschland und Europa. Tim-Oliver Müller ist Hauptgeschäftsführer des HDB. Präsident ist Peter Hübner.
bauindustrie.de
GLOSSAR: Bau-Turbo: Mit dem "Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung" – kurz Bau-Turbo – sollen Bauprojekte künftig deutlich einfacher und zügiger umgesetzt werden können, so das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. Dabei handelt es sich um eine zeitlich befristete Sonderregelung (§ 246e Baugesetzbuch), die es Gemeinden erlauben soll, unter bestimmten Bedingungen von den üblichen Vorschriften des Bauplanungsrechts ohne zeitaufwändige Aufstellung oder Änderung eines Bebauungsplans abweichen zu können.
EH 55-Standard: Hinter dem Kürzel "EH 55" verbirgt sich Effizienzhaus 55. Dabei handelt es sich um Gebäude, die 55 Prozent weniger Energie verbrauchen als ein Referenzgebäude. Um den stagnierenden Wohnungsbau zu fördern, hat die deutsche Bundesregierung Mitte Dezember 2025 die EH-55-Förderung reaktiviert und 800 Millionen Euro bereitgestellt, so der Zentralverband Sanitär, Heizung und Klima. Um die Förderung zu erhalten und die technischen Standards der EH-55-Förderung zu erfüllen, dürfen nur Energieträger wie Wärmepumpen, Fernwärme, Solarwärme oder Biomasse verwendet werden.
Gebäudetyp E: Das "E" steht für einfaches und experimentelles Bauen. Ein Gebäudetyp mit spezifizierten baulichen Eigenschaften ist damit laut dem Bundesministerium der Justiz nicht gemeint. Für die Beteiligten von Bauprojekten soll es leichter werden, von gesetzlich nicht zwingenden Standards wie reinen Komfort- und Ausstattungsstandards abzuweichen. Dafür soll das Bauvertragsrecht geändert werden.
Serielles Bauen: Darunter versteht man die Herstellung von Bauteilen oder Gebäudeteilen in großer Stückzahl und deren Montage vor Ort. Dabei werden die Bauteile (z. B. Decken, Wände, Fassadenelemente, Treppen oder Balkonanlagen) nach einem vordefinierten Standard produziert, sodass sie in verschiedenen Bauvorhaben eingesetzt werden können, erklärt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.
Kommentar schreiben