Internationalisierung der Normung: Herausforderung für den Mittelstand
Mit der Veröffentlichung der EN ISO 8100-1 und -2 setzt sich eine Entwicklung fort, die die Aufzugsnormung schon seit einigen Jahren prägt: die stärkere internationale Harmonisierung technischer Regelwerke.
Das LIFTjournal hat Achim Hütter, den Vorsitzenden des VFA, um eine Einschätzung dieser Entwicklung aus Sicht des Verbandes gebeten.
Eine ähnliche Entwicklung wie bei der EN ISO 8100-1 und -2 war bereits bei der Einführung der EN 81-1 zu beobachten. Damals hat die Harmonisierung vielen europäischen Komponentenherstellern den Zugang zu neuen Märkten und Geschäftskontakten innerhalb Europas erleichtert.
Achim Hütter, Vorsitzender des VFA. Foto: © Christian Schranner/VFA-Interlift e.V.Auch bei der aktuellen Entwicklung sieht der VFA grundsätzlich Chancen für viele mittelständische Hersteller von Komponenten. Wenn sich technische Anforderungen international stärker angleichen, kann das perspektivisch auch den Zugang zu globalen Märkten erleichtern und Unterschiede zwischen regionalen Regelwerken reduzieren.
Gleichzeitig ist wichtig zu sehen, dass die ISO-Norm in weiten Teilen auf den bekannten europäischen Normen aufbaut, insbesondere auf EN 81-20 und EN 81-50. Die grundlegenden sicherheitstechnischen Prinzipien bleiben also erhalten, werden jedoch stärker in einen internationalen Kontext dargestellt.
Zunehmender Zeitdruck
Die größten Herausforderungen sieht der VFA im zunehmenden Zeitdruck, unter dem die Branche und besonders der Mittelstand heute stehen. Während große internationale Unternehmen durch die Vielzahl an Teilnehmern in den unterschiedlichen Gremien bereits in der Entwurfsphase parallel an der Weiterentwicklung ihrer Produkte arbeiten können, müssen mittelständische Unternehmen häufig bis zur Veröffentlichung des Schlussentwurfs warten, um die wesentlichen Änderungen der Norm in ihren Produkten und Dienstleistungen umsetzen zu können.
Ein aktuelles Beispiel zeigt diese Situation deutlich: Erste Planer und die öffentliche Hand schreiben heute bereits Aufzüge nach ISO 8100 aus, obwohl die Norm noch gar nicht in der endgültigen Form vorliegt. Für Hersteller stellt sich dann ganz praktisch die Frage, auf welcher Grundlage eine belastbare technische Auslegung oder Kalkulation erfolgen soll. Gerade für mittelständische Unternehmen entsteht dadurch ein erheblicher Planungsdruck.
Fachliche Hinweise eingebracht
Die Mitwirkung mittelständischer Unternehmen erfolgt in der Regel über nationale Normungsgremien und Branchenverbände. Auf diesem Weg können praktische Erfahrungen aus Entwicklung, Produktion und Anwendung in die europäische und internationale Normungsarbeit eingebracht werden.
Auch im Fall der ISO 8100 haben sich Mitglieder des VFA über einen längeren Zeitraum intensiv mit den verschiedenen Entwurfsfassungen der Norm befasst und ihre fachlichen Hinweise über das nationale Normungsgremium in die internationale Arbeitsgruppe eingebracht.
Innerhalb des VFA wurde der Normentwurf bereits frühzeitig analysiert und aus Sicht der mittelständisch geprägten Aufzugsindustrie kommentiert. Eine entsprechende Analyse des Normenentwurfs wurde seinerzeit auf Initiative von Wolfgang Adldinger innerhalb des VFA angestoßen. Die fachliche Begleitung der weiteren Normungsentwicklung erfolgt im Rahmen der regulären Normungsarbeit des VFA.
Neue organisatorische Herausforderungen
Mit der zunehmenden Internationalisierung der Normungsarbeit wird es künftig noch wichtiger, aber auch aufwendiger sein, die Expertise des Mittelstands frühzeitig und abgestimmt einzubringen. Verbände und Fachgremien spielen hierbei eine zentrale Rolle, indem sie die Beteiligung bündeln, Informationen aus den internationalen Gremien zurück in die Branche tragen und so eine breite Mitwirkung ermöglichen.
Gleichzeitig stellt die zunehmende Internationalisierung der Normung den Mittelstand vor neue organisatorische Herausforderungen. Die Mitarbeit in den internationalen Gremien erfordert Zeit, personelle Ressourcen und kontinuierliche Präsenz in den entsprechenden Arbeitsgruppen. Diese Voraussetzungen sind für kleinere und mittelständische Unternehmen naturgemäß schwieriger zu erfüllen als für große international aufgestellte Konzerne.
Die internationale Harmonisierung der Aufzugsnormen ist damit weniger ein Bruch mit den bestehenden Regelwerken als vielmehr eine Weiterentwicklung der bisherigen europäischen Normungsarbeit in einem globalen Umfeld. Entscheidend wird sein, dass auch künftig die praktische Erfahrung der Branche – insbesondere aus Entwicklung, Produktion und Betrieb – in diese Prozesse einfließen kann.
Weitere Informationen: vfa-interlift.de
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