(Foto: © LIFTjournal/Dirk Müller/KI-assistiert mit Firefly und ChatGPT)

Hochzeit mit Auflagen

Aktuelles

Die Ankündigung der Übernahme von TK Elevator durch Kone hat die Branche elektrisiert. Plötzlich ist von einem neuen Superkonzern die Rede, von einer möglichen Machtverschiebung im Servicegeschäft und davon, dass die Konsolidierungswelle nun die Big4 erreicht hat.

Vor allem der Mittelstand fragt sich aber auch, ob es künftig ungemütlich wird. Ich habe dazu eine klare Meinung: Für den Mittelstand wird sich deutlich weniger ändern, als viele derzeit glauben.

EINE ANALYSE VON DR. LARS WATERMANN

Der nüchterne Blick auf die Fakten zeigt, dass bislang lediglich ein Vertragswerk existiert. Der wichtigste Punkt ist hingegen noch völlig offen: Wie soll das angekündigte Einsparungspotenzial von 700 Millionen Euro pro Jahr erreicht werden? Wer muss gehen, welche Unternehmensteile bleiben, wo wird zusammengelegt? Aber selbst, wenn diese Fragen geklärt werden können, gibt es da noch den Elefanten im Raum. Das ist die kartellrechtliche Freigabe, die am Ende darüber entscheidet, ob der Deal so umgesetzt werden kann wie erhofft oder ob er gestutzt werden muss.

Ich teile die Meinung vieler Experten, dass die Kartellbehörden einen vollständigen Zusammenschluss nicht einfach durchwinken werden. Insider erwarten, dass zumindest die Kernländer Europas aus dem Deal herausgelöst werden, um eine zu große Marktmacht in dieser Region zu verhindern. Und genau an diesem Punkt verliert die Übernahme bereits deutlich an Wucht.

Konstrukt im künstlichen Koma

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Zudem rechnet selbst Kone damit, dass die Entscheidung der Europäischen Behörden bis zu anderthalb Jahren dauern wird. Aus zahlreichen von uns begleiteten Transaktionen wissen wir, dass sich Käufer und Verkäufer bis zur kartellrechtlichen Entscheidung operativ im Wartestand befinden. Dieses aus dem Wettbewerbsrecht bekannte "Gun Jumping" soll verhindern, dass eine Fusion faktisch schon umgesetzt wird, bevor die Kartellbehörden zugestimmt haben.

Zurzeit befindet sich das Konstrukt dank des Kartellrechts also in einem künstlichen Koma. Nächster Schritt ist dann irgendwann die Reha-Phase, in der die umfangreiche Post-Merger-Integration ansteht. Bis der "Patient" dann seine wirkliche neue Stärke ausspielen kann, dürfte es locker fünf Jahre dauern.

"Ich teile die Meinung vieler Experten, dass die Kartellbehörden einen vollständigen Zusammenschluss nicht einfach durchwinken werden." Dr. Lars Watermann

Doch selbst dann droht keine übermäßige Gefahr. Denn die meisten Mittelständler spielen ohnehin ein anderes Spiel als die Großen. Sie gewinnen nicht über globale Plattformen oder standardisierte Großserien, sondern über regionale Präsenz, Geschwindigkeit, Speziallösungen und vor allem Kundennähe. Zudem entscheiden sich weiterhin viele Kunden gezielt für ein mittelständisches Aufzugsunternehmen, da sie nicht bereit sind, für eine bestenfalls vergleichbare Leistung Stundenverrechnungssätze nördlich von 150 Euro (netto) zu bezahlen.

Keine Steilvorlage für Wettbewerber

Das oben skizzierte Szenario mit der Herauslösung der europäischen Kernländer würde übrigens auch die hohen Unternehmensbewertungen im Mittelstand stützen – weil sich der Kreis der möglichen Bieter in diesem Fall nicht verkleinern würde. Denn bei einer nur teilweisen Fusion müsste diese TKE-Sparte einen neuen Besitzer finden. Doch wo soll der herkommen?

Vermutlich wird dieses attraktive Geschäft aus kartellrechtlichen Gründen nicht an Schindler oder Otis gehen können. Andere große Player wie Orona, Mitsubishi Electric oder Hitachi werden ebenfalls nicht zum Zug kommen, denn Kone wird sich hüten, den Wettbewerbern eine Steilvorlage für den Markteintritt oder den Ausbau ihres Geschäfts in dieser Region zu liefern.

Stattdessen dürften sich Private-Equity-Investoren für diesen Bereich interessieren. Wie diese handeln, ist ja bekannt: Sie halten das Unternehmen einige Jahre und steigern in dieser Zeit den Wert maximal – unter anderem durch strategische Zukäufe. Die bisherigen TKE-Eigentümer haben schließlich vorgemacht, wie man aus 17 Milliarden Euro in wenigen Jahren 29,5 Milliarden Euro macht. Dabei hatten Zukäufe entscheidenden Einfluss auf den Firmenwert.

Der Kreis der potenziellen Bieter bleibt also groß, wobei gleichzeitig Druck herrscht, strategisch zuzukaufen. In diesem Kontext ist übrigens auch ein Signal interessant, das ich in meiner täglichen Arbeit spüre: Sowohl Kone als auch TKE bringen laufende Mergers-and-Acquisitions-Projekte (M & A)-Projekte zum Abschluss und bieten auch für aktuell präsentierte Unternehmen unverändert (hoch) mit.

Größe allein verändert keinen Markt

Was bleibt am Ende also? Ja, die angekündigte Transaktion ist groß. Vielleicht sogar historisch groß. Doch bis sie wirklich kommt, müssen noch viele Hürden genommen werden. Und wie das Endprodukt aussieht, weiß noch keiner.

So oder so wird diese Hochzeit Einfluss haben, primär auf die Fertigung von Standardaufzügen und den Grad der Digitalisierung in der Aufzugsbranche. Im Bereich Service und Spezialanlagen vertrauen viele Betreiber hingegen wie bisher lieber einem mittelständischen Aufzugsunternehmen. Hier werden weiterhin gute Geschäfte gemacht. Denn Größe allein verändert noch keinen Markt.

Der Autor ist Geschäftsführer der Watermann Agens GmbH und auf Firmentransaktionen in der Aufzugsbranche spezialisiert. Seit 2005 hat er mehr als 25 Aufzugsunternehmer bei ihrem Firmenverkauf beraten, darunter Weymann, M.S. Schernikau, Butz & Neumair, die Eggert Gruppe, Janzhoff, Mayland, Joh. Holtz, Grädler, R&S, fb Aufzüge, Aufzugteile B&T, Häfelein & Windeck, Colonia, Dralle, A.S. Aufzug + Service oder osma (3 Niederlassungen).


Weitere Informationen: watermann.ag


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