In einem Interview mit dem LIFTjournal erläutert Esfandiar Gharibaan, Vorsitzender des CEN/TC 10 – des europäischen Normungsausschusses für Aufzüge und Fahrtreppen – die aktuelle Situation und gibt einen Überblick über die laufenden Arbeiten.
Esfandiar Gharibaan Foto: © Ulrike Lotze/LIFTjournalWas sind die wichtigsten Normungstrends für Aufzüge und Fahrtreppen?
Gharibaan: Der Hauptzweck der Normungsarbeit besteht darin, technische Spezifikationen in Form von internationalen Normen zu erstellen, die von den Mitgliedsländern der internationalen Normungsorganisationen als nationale Normen übernommen werden. Folglich sind die technischen Spezifikationen in all diesen Ländern gleich. Dies nennen wir technische Harmonisierung über Ländergrenzen hinweg. Produkte, die auf Grundlage dieser internationalen Normen entwickelt wurden, erfüllen auch die nationalen Anforderungen. In Europa sind wir an dieses Konzept gewöhnt, da alle europäischen Normen (EN) von allen europäischen Ländern übernommen werden. Dies erleichtert den freien Verkehr von Produkten innerhalb der EU und lässt die Idee des EU-Binnenmarkts Wirklichkeit werden.
Auf europäischer Ebene ist es das Ziel des CEN/TC 10, harmonisierte Normen (hEN) zu erstellen, die die Aufzugsrichtlinie, die Maschinenverordnung sowie die EMV-Richtlinie abdecken. Die Verwendung von hEN stellt nicht nur sicher, dass die technischen Anforderungen in allen EU-Mitgliedstaaten gleich sind, sondern vereinfacht und reduziert auch den Aufwand der Konformitätsbewertungsverfahren für Aufzüge und Fahrtreppen. Daher sind diese Normen so wichtig und vorteilhaft für alle Beteiligten.
Hier sei darauf hingewiesen, dass hEN nach den EU-Vorschriften nur eine Möglichkeit sind, die Konformität mit den Anforderungen der EUVorschriften, wie z. B. der Aufzugsrichtlinie, zu erreichen. Installateure und Hersteller können zwar andere Spezifikationen verwenden, die einem speziellen Konformitätsbewertungsverfahren unterliegen. Die hEN bleiben jedoch eine Referenz für die Angemessenheit dieser Spezifikationen, wenn es darum geht, die Anforderungen dieser EU-Verordnungen zu erfüllen.
Die technische Harmonisierung ist heute ein globaler Trend. Viele Länder arbeiten über die Internationale Organisation für Normung (International Standardization Organization, ISO) an wirklich globalen Normen, die von Ländern in aller Welt übernommen werden.
Ein weiterer Trend ist die Ausweitung der ISO-Normung auf Aufzüge und Fahrtreppen. Bis vor zehn Jahren waren europäische Normen wie die EN 81-1/2 oder EN 81-20/50 auch außerhalb Europas weit verbreitet. Das Verfahren zur Annahme von EN-Normen in außereuropäischen Ländern ist jedoch kompliziert. Außerdem hatten außereuropäische Nutzer nicht die Möglichkeit, sich direkt am europäischen Normungsprozess zu beteiligen.
Verständlicherweise wurden von diesen Ländern die ISO-Normen bevorzugt. Darüber hinaus hat sich in der Aufzugsbranche in den letzten zwei Jahrzehnten eine wirklich globale Lieferkette entwickelt. Daher haben die ISONormen auch für die europäischen Hersteller erheblich an Relevanz und Bedeutung gewonnen.
"Die technische Harmonisierung ist der Schlüssel für einen reibungslosen Handel zwischen den Ländern."
ESFANDIAR GHARIBAAN
Um die kontinuierliche Nutzung der technischen Spezifikationen der EN auf der ganzen Welt als Grundlage für die technische Harmonisierung zu gewährleisten, werden viele der EN für Aufzüge und Fahrtreppen als ISO-Normen übernommen. CEN/TC 10 und ISO/TC 178 arbeiten eng zusammen. Dabei wenden sie die Prozesse des Kooperationsabkommens zwischen CEN und ISO an, das als Wiener Vereinbarung bekannt ist. In diesem Prozess erkennt die ISO in einem ersten Schritt die EN als identische ISO-Norm an.
In einem zweiten Schritt überarbeiten CEN und ISO die EN- und ISO-Normen gleichzeitig. Das Ergebnis der Überarbeitung wird als ISO-Norm veröffentlicht, in Europa jedoch als EN ISO. Gute Beispiele hierfür sind die EN 81-20 für Aufzüge, die zur EN ISO 8100-1 wird, und die EN 115-1 für Fahrtreppen, die zur EN ISO 8103-1 wird. Viele andere ENs werden bald demselben Prozess folgen.
Darüber hinaus ist es im Einklang mit den Zielen des CEN wünschenswert, dass jede neue Norm auf ISO-Ebene entwickelt wird. Dies reduziert Nacharbeit und Redundanz und beschleunigt den Prozess.
Digitalisierung und Konnektivität wurden in unserer Branche in weniger als einem Jahrzehnt rasch umgesetzt. Fast jeder neue Aufzug ist an ein Netz angeschlossen oder kann an ein solches angeschlossen werden. Auch für den Anschluss vorhandener Ausrüstung sind zahlreiche Lösungen vorhanden. Gleichzeitig werden digitale Dienste von den Originalherstellern oder anderen Dienstleistern angeboten.
Inzwischen holt auch die Gesetzgebung auf. Die europäische Maschinenverordnung, der Cyber Resilience Act oder das Datenschutzgesetz sind nur einige Beispiele dafür. In anderen Ländern werden ähnliche Regelungen eingeführt.
Die Aufzugsbranche hat die Notwendigkeit von Normen in diesem Bereich erkannt. Was beispielsweise die Cybersicherheit betrifft, so wurde die erste Initiative 2017 ergriffen. Die erste ISO-Norm bezüglich Cybersicherheit für Aufzüge und Fahrtreppen, die ISO 8102-20, wurde dann 2022 veröffentlicht.
Derzeit werden noch mehrere andere Normen veröffentlicht oder entwickelt. Es ist außerdem wichtig zu wissen, dass es mehrere horizontale ISO- oder IEC-Normen gibt, die mehrere Bereiche abdecken und auch für Aufzüge und Fahrtreppen gelten können. Hersteller und Dienstleister hingegen müssen sich deshalb möglicherweise mit den weiteren Normungsaktivitäten zu diesem Thema vertraut machen, die über den Aufzugsbereich hinausgehen.
Was sind die Vorteile von ISO-Normen und weltweiter technischer Harmonisierung?
Gharibaan: Wie bereits erwähnt, ist die weltweite technische Harmonisierung ein wichtiger Trend in unserer Branche. Die ISO bietet ein hervorragendes Umfeld, um alle Interessengruppen und Experten an einen Tisch zu bringen. So können sie ihre Erfahrungen, Innovationen und ihr technisches Know-how austauschen und globale Normen entwerfen, die den Bedürfnissen und Anforderungen aller ISO-Mitglieder gerecht werden. Durch eine so breite Beteiligung wird außerdem die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die ISO-Normen weltweit als identische nationale Normen übernommen werden. Die ISO-Normen bilden eine solide Grundlage für die weltweite technische Harmonisierung.
Die europäischen Länder sind in den Ausschüssen und Arbeitsgruppen der ISO stark vertreten und können die europäischen Bedürfnisse und Interessen im Normungsprozess nachdrücklich vertreten.
Die weltweite Anwendung von ISO-Normen, d. h. die technische Harmonisierung, schafft Skaleneffekte, wodurch die Kosten für alle Beteiligten reduziert werden. Die Lieferkette wird widerstandsfähiger, da eine gewisse Flexibilität der Lieferstellen erreicht wird. Wenn z. B. aufgrund von Naturkatastrophen oder geopolitischen Situationen ein Lieferstandort betroffen ist, können die benötigten Komponenten von einem anderen Standort bezogen werden, da die Komponenten die ISO-Normen erfüllen.
"Das Verfahren zur Annahme von EN-Normen in außereuropäischen Ländern ist jedoch kompliziert. Außerdem hatten außereuropäische Nutzer nicht die Möglichkeit, sich direkt am europäischen Normungsprozess zu beteiligen."
ESFANDIAR GHARIBAAN
ABBILDUNG 1 – ARBEITSPROGRAMM DES CEN/TC 10 / FIGURE 1 – CEN/TC 10 WORK PROGRAM Foto: © GharibaanEN-ISO-Normen können europäische Hersteller beim Handel mit Nicht-EU-Ländern unterstützen. Das EU-Regulierungsmodell, der New Approach der EU, hat den EU-Markt geöffnet, da die Einhaltung der harmonisierten EU-Normen (hEN) eine Konformitätsvermutung mit den EU-Vorschriften begründet. Ein Nicht-EU-Hersteller kann sogar von den Grafik/Graph: © Gharibaan hEN abweichen und andere Lösungen haben.
Ein EU-Hersteller – insbesondere ein kleines oder mittleres Unternehmen (KMU) –, der in Nicht-EU-Länder exportieren möchte, hat jedoch möglicherweise Schwierigkeiten, die technischen Anforderungen außerhalb der EU zu verstehen. Wenn man weiß, dass auch andere Länder dieselbe ISO-Norm wie EN ISO verwenden, kann man die Anforderungen im Zielland besser verstehen.
Sie erwähnten die Umstellung auf ISO. Wie wird sich das auf die derzeitigen europäischen Normen für Aufzüge auswirken?
Gharibaan: CEN/TC 10 und ISO/TC 178 haben umfangreiche Arbeitsprogramme, die alle Aspekte von Aufzügen und Fahrtreppen abdecken, wie in den Abbildungen 1 und 2 unten dargestellt
ABBILDUNG 2 – ARBEITSPROGRAMM DES ISO/TC178 Foto: © GharibaanWie sieht es bei der Digitalisierung aus? Welche Normungsarbeiten gibt es zu diesem Thema?
Gharibaan: Wie bereits erwähnt, sollen die neuen Normen vorzugsweise auf ISO-Ebene und im ISO/TC 178 entwickelt werden. Dies ist bei den Normen im Zusammenhang mit der Digitalisierung sicherlich der Fall. Daher hat das CEN/TC 10 derzeit keine Arbeit in diesem Bereich – es sei denn, es besteht ein spezieller Bedarf an einer europäischen Norm – und alle Experten und Bemühungen konzentrieren sich auf die ISO-Arbeit.
Das aktuelle Arbeitsprogramm umfasst Folgendes:
• ISO 8102-20:2022; "Cybersecurity for lifts and escalators", veröffentlicht im Jahr 2022, wird derzeit überarbeitet, um die Anforderungen des Cyber Resilience Act (CRA) und der Maschinenverordnung (MR) in Europa vollständig abzudecken,
• ISO/TS 8102-21:2026; "On-site and off-site software update", veröffentlicht im Jahr 2026,
• ISO/TS 8100-10: 2025; "Building Information Modeling" (BIM), veröffentlicht im Jahr 2025,
• ISO/TS 8100-11; "Interoperability between lift and other systems is currently under development", wird derzeit entwickelt.
Da sich der Bereich der Digitalisierung ständig weiterentwickelt, werden – wenn sich ein Bedarf an weiteren Normen ergibt – neue Arbeitsschritte eingeleitet.
"Ich möchte alle Experten ermutigen, eine aktivere Rolle bei der Normungsarbeit zu übernehmen."
ESFANDIAR GHARIBAAN
Was raten Sie unseren Lesern?
Gharibaan: Normen haben Auswirkungen auf die Produkte und Dienstleistungen eines jeden Unternehmens. Darüber hinaus werden sie auch mithilfe direkter Beiträge und Eingaben von Experten aus der Branche und von Interessengruppen erstellt. Die Mitwirkung kann auf verschiedenen Ebenen erfolgen, z. B. durch die Mitarbeit in den internationalen Arbeitsgruppen als Vertreter des jeweiligen nationalen Normungsgremiums.
Der einfachste Weg ist jedoch die Zugehörigkeit zum nationalen Normungsgremium im eigenen Land. Dies bietet die Möglichkeit, während der Ausarbeitung der Normen ausführliche Informationen zu erhalten und die Entwürfe der Normen zu kommentieren. Eine solche Beteiligung liefert frühzeitige Informationen und erleichtert die rechtzeitige Umsetzung der Normen, sobald diese veröffentlicht sind. Ich möchte alle Experten ermutigen, eine aktivere Rolle bei der Normungsarbeit zu übernehmen.
From EN to EN ISO: The Transition of Standards
Es gibt mehrere Projekte, in denen die EN schrittweise auf ISO- und dann auf EN-ISO-Ebene übertragen werden. Daher werden die EN zu einer Grundlage für wahrhaft globale ISO-Normen für Aufzüge und Fahrtreppen.
1) ABGESCHLOSSENE PROJEKTE
Vom CEN übernommene ISO-Normen / ISO standards adopted by CEN:
EN ISO 14798 (Verfahren zur Risikobeurteilung und -minderung / Risk Assessment Methodology)
EN ISO 25745-1/2/3 (Energieeffizienz, -messung, -berechnung und Klassifizierung / Energy Efficiency Measurement and Classification)
Von der ISO übernommene CEN-Normen / CEN standards adopted by ISO:
EN 81-20 ----> ISO 8100-1 (Allgemeine Sicherheit für Aufzüge / General Safety for Lifts)
EN 81-50 ----> ISO 8100-2 (Allgemeine Sicherheit für Aufzüge, Prüfung und Verifizierung / General Safety for Lifts, Testing and Verification)
EN 81-70 ----> ISO 8100-7 (Zugänglichkeit von Aufzügen / Accessibility to Lifts)
EN 115-1 ----> ISO 8103-1 (Allgemeine Sicherheit für Fahrtreppen / General Safety for Escalators)
2) LAUFENDE PROJEKTE ZUR ÜBERARBEITUNG VON EN- UND ISO-NORMEN ZU EN-ISONORMEN
EN 81-20 + ISO 8100-1 ----> EN ISO 8100-1 (Allgemeine Sicherheit für Aufzüge / General Safety for Lifts)
EN 81-50 + ISO 8100-2 ----> EN ISO 8100-2 (Allgemeine Sicherheit für Aufzüge, Prüfung und Verifizierung / General Safety for Lifts, Testing and Verification)
EN 81-70 + ISO 8100-7 ----> EN ISO 8100-7 (Zugänglichkeit von Aufzügen / Accessibility to Lifts)
EN 115-1 + ISO 8103-1 ----> EN ISO 8103-1 (Allgemeine Sicherheit für Fahrtreppen / General Safety for Escalators)
EN 12015 + ISO 8102-1 ----> EN ISO 8102-1 (EMV, Störaussendung / EMC, Emission)
EN 12016 + ISO 8102-2 ----> EN ISO 8102-2 (EMV, Störfestigkeit / EMC, Immunity)
3) PROJEKTE IN BEARBEITUNG
EN 81-28 ----> EN ISO 8100-6 (Fern-Notruf / Remote alarm)
EN 81-44 ----> EN ISO 810x-x (Aufzüge in Windenergieanlagen / Lifts in wind turbines)
EN 81-58 ----> EN ISO 3008-2 (Prüfung der Feuerwiderstandsfähigkeit an Schachttüren / Fire test of landing doors)
EN 81-72 ----> EN SO 8100-4 (Feuerwehraufzüge / Firefighting lifts)
EN 81-77 ----> EN ISO 810x-x (Aufzüge unter Erdbebenbedingungen / Lifts subject to seismic conditions)
EN 81-76 ----> EN ISO 8101-1 (Evakuierung von Gebäuden mithilfe von Aufzügen / Evacuation of buildings using lifts)
EN 81-80 ----> EN ISO 8104-1 (Erhöhung der Sicherheit bestehender Aufzüge / Improvement of Safety of Existing Lifts)
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