Digitalisierung: Theorie und Praxis
Wir erfahren täglich Neuigkeiten bezüglich Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung. Es werden Unmengen an Daten generiert und verarbeitet. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass ohne sie nichts mehr geht.
Wir möchten Aufzüge digital überwachen, um den Wartungsaufwand vor Ort zu reduzieren – ein verführerischer Gedanke angesichts des aktuellen Fachkräftemangels. Aber wie sieht die Realität aus?
EIN KOMMENTAR VON HORST SCHICKOR
Viele Aufzüge befinden sich in einem technisch desolaten Zustand. Sie sind außerdem zunehmend vermüllt und verschmutzt – vom Triebwerksraum bis in die Schachtgrube. Gleichzeitig finden in vielen Fällen Wartung und Pflege nur noch auf dem Papier statt. Hinzu kommt, dass viele Servicetechniker mit der verbauten Technik überfordert sind. Denn häufig sind diese Monteure Quereinsteiger. Sie haben zwar eine Ausbildung absolviert, aber eben nicht im Bereich Aufzüge.
Zudem wagen sich viele Firmen an alle Fabrikate. Die Praxis zeigt jedoch, dass ihnen häufig das Wissen über die verbauten, herstellerspezifischen Systeme fehlt. Selbst bei Prüfungen und der Fehlersuche stehen ihre Servicetechniker oft vor unlösbaren Problemen. Dieses Phänomen gibt es in nahezu allen Unternehmen, selbst in großen Firmen. Hinzu kommt, dass nahezu alle Aufzugsfirmen händeringend nach Personal suchen.
Sehr dünnes Eis …
Horst Schickor. Foto: © LIFTjournal/Bernd LorenzHier kommt die Digitalisierung ins Spiel: Für sie gibt es viele verschiedene Systeme auf dem Markt. Einige große Hersteller bieten Lösungen an, die bei den eigenen Produkten sehr viele nützliche Daten liefern können. Die Datenmenge ist dann so groß, dass K ünstliche Intelligenz eingesetzt werden muss, um sie auszuwerten. Doch egal, wie viele Daten ermittelt werden, es wird immer einen Graubereich geben, der nicht erfasst bzw. überwacht werden kann. Das ist nicht ohne Risiko und daraus können sich auch wieder Mängel bei einer Prüfung ergeben.
Hinzu kommt, dass viele Systeme nur Beschleunigungen erfassen. Diese Teile werden auf die Türen geklebt oder am Fahrkorb angebracht. Wer meint, dass dies eine Reduzierung des Wartungsbedarfs begründet, begibt sich jedoch auf sehr dünnes Eis. Denn damit können in der Regel nur Fahrtenzahlen, Türbewegungen usw. erfasst werden.
Das ist bestenfalls eine erweiterte Störmeldung oder, besser gesagt, eine mögliche Vorausschau für eventuelle Ausfälle. Hier können wir höchstens von einer Fernüberwachung einzelner Funktionen sprechen. Solche Systeme gab es aber schon vor 30 Jahren. Damals nannten wir es Visualisierung.
Gefundenes Fressen
Im Zuge dieser Entwicklung werden immer mehr Daten erfasst, versendet und verarbeitet. Und hier kommt die Cybersicherheit ins Spiel: Denn als Folge dieser Entwicklung können sich hier auch wieder neue Mängel (keine Gefahren!) ergeben, die letztendlich ein gefundenes Fressen für die Prüforganisationen sind und dramatische Statistiken im Anlagensicherheitsreport zur Folge haben.
Fazit
Egal, ob mit oder ohne Digitalisierung – die Aufzüge werden durch sie nicht sicherer und auch nicht besser. Die Praxis liefert genügend Beispiele für diese Aussage. Die tatsächlichen Risiken entstehen durch Servicetechniker in einigen Unternehmen, die nicht ausreichend für ihre Aufgaben geschult und weitergebildet werden.
Heutzutage gibt es dafür keine Zeit mehr. Der zunehmende Fachkräftemangel verbessert die Lage ebenfalls nicht. Wer digitale Überwachungssysteme verkauft, sollte sich deshalb genau überlegen, welche Versprechen er damit gibt und wie er möglichen Haftungsansprüchen begegnen kann.
Der Autor ist Geschäftsführer der Firma Lift Consulting, arbeitet seit 43 Jahren in der Aufzugsbranche und ist unter anderem Mitglied im VDI sowie im DAfA. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender des VDI-Richtlinienausschusses "VDI 4702 Blatt 1 Unterstützung von Instandhaltungsprozessen an Aufzügen – Anpassung der Service-Intervalle". Darüber hinaus gehört er zum Beirat des LIFTjournals.
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