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Ein Kommentar: Aufkäufe im Mittelstand

Aktuelles

In der letzten Zeit beobachtet die Vereinigung mittelständischer Aufzugsunternehmen (VmA) eine starke Zunahme der Aufkäufe von kleinen und mittelständischen Aufzugsbetrieben durch die Big 4.

Seit dem 1. Januar 2023 wurden allein im Bereich der VmA sieben Mitgliedsbetriebe aufgekauft.

Ein Kommentar von Udo Niggemeier

Die VmA hat dadurch in etwas mehr als einem Jahr fast zehn Prozent seiner Mitglieder verloren, da mit dem Verkauf an einen Konzern satzungskonform die Mitgliedschaft erlischt.

Wenn man mit den ehemaligen Eigentümern der Firmen spricht und nach den Gründen für den Verkauf fragt, kommt meistens als Antwort, dass es nicht möglich war, einen Nachfolger zu finden. Wenn jüngere Unternehmer verkaufen, werden auch der Fachkräftemangel, die Arbeitsauffassung der jüngeren Mitarbeiter sowie der Vorschriften- und Auflagen-Wahnsinn als Beweggründe genannt.

In der letzten Zeit ist ein neues Motiv dazugekommen: die düstere wirtschaftliche Lage in Deutschland, die meistens mit zwei bis drei Jahren Zeitverzug im Aufzugsbau ankommt. Verbandskollegen, die stärker im Neubau unterwegs sind, berichten von Auftragseinbrüchen von bis zu 50 Prozent. Zusätzlich haben sich die Verkaufserlöse bei einem Verkauf an die Konzerne in den letzten Jahren mehr als verdoppelt.

Es zählen hier offensichtlich nicht mehr nur die Übernahme der Wartungsverträge, sondern immer stärker auch die Übernahme der Fachkräfte. Fachkräfte in kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) haben oft ein wesentlich breiteres Wissen als Konzern-Fachkräfte und können dadurch flexibler eingesetzt werden – das gilt besonders im Bereich der Reparatur/Instandhaltung und der Modernisierung.

Junge Frauen folgen nach

Auch die kleinen und mittelständischen Unternehmen der Aufzugsbranche haben mit der Unternehmensnachfolge zu kämpfen. In der letzten Zeit ist allerdings wieder verstärkt zu beobachten, dass eigene Kinder oder Kinder enger Verwandter bereit sind, in die Unternehmensnachfolge einzutreten. Auffallend ist, dass dies immer häufiger junge Frauen sind.

Verkäufe an Investoren sind auch ein denkbares Modell, scheitern aber meistens an den Angeboten der Konzerne, die deutlich über den von "normalen" Investoren liegen. Modelle wie die Übergabe an die eigenen Mitarbeiter etc. bergen die Gefahr, dass nicht sichergestellt ist, dass vereinbarte Leistungen auch in Zukunft aus der Wirtschaftskraft des Unternehmens erbracht werden können. Bei einigen großen Familienbetrieben in Deutschland ist zu beobachten, dass bei der Unternehmensnachfolge eine Generation übersprungen wird.

Eingeschränkter Wettbewerb

Für die Kunden bedeutet jeder Aufkauf, dass der Wettbewerb weiter eingeschränkt wird. Oft werden die übernommenen Firmen unter dem alten Namen weitergeführt. Dieses kann dazu führen, dass bei Ausschreibungen verschiedene Firmen anbieten, wenn man aber genauer hinschaut, sind es doch Angebote aus einem Hause. Auch ist am Markt zu beobachten, dass oft anstatt einer sinnvollen Modernisierung Ersatzanlagen mit Konzernprodukten angeboten werden.

Diese mögen zwar auf den ersten Blick billiger sein, betrachtet man die Investition aber über einen Zeitraum von zwanzig bis dreißig Jahren, ändert sich das Bild recht schnell. Ob so etwas in der Gesamtbetrachtung ökologisch und nachhaltig ist, möge jeder für sich entscheiden.

Neue Firmengründungen

Neben den Aufkäufen durch die Konzerne ist aber auch zu beobachten, dass sich immer öfter wieder neue Firmen gründen. Die Gründer sind oft Techniker der verkauften Betriebe, die sich mit den neuen Betriebsabläufen nicht anfreunden können. Aber es sind auch Mitarbeiter aus der unteren Führungsriege oder dem Vertrieb der Konzerne, die sich selbstständig machen.

Uns allen muss daran gelegen sein, dass wir in der Aufzugsbranche weiter einen gesunden regionalen Mittelstand haben. Die Verbände sind aufgerufen, Plattformen zu schaffen, bei denen sich junge Unternehmer und Nachfolger informieren und austauschen können. Ein positives Beispiel ist hier die GAT mit dem "Next Generation"-Treffen.

Die Politik ist aufgefordert, die Bürokratie abzubauen, Vorschriften zu vereinfachen und Neugründungen zu fördern. Die Betreiber sind gefordert, mehr auf Werthaltigkeit und offene Systeme zu setzen, als den im Moment billigsten Preis zu bekommen. Die Unternehmer sind gefordert, sich frühzeitig um eine Nachfolge zu kümmern.

Wenn wir alle an einem Strang ziehen, wird es weiter einen konzernneutralen Mittelstand und damit einen fairen und offenen Wettbewerb in der Aufzugsbranche geben. Wenn das nicht geschieht, werden in der Zukunft nur noch einige große Unternehmen den Markt beherrschen. Welche Folgen das haben kann, zeigt sich in anderen Branchen.

Der Autor ist Vorsitzender der Vereinigung mittelständischer Aufzugsunternehmen.


Weitere Informationen: vma.de