Montag, 19. November 2018
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Liebe mit Nervenkitzel

Einmal Paternoster fahren! Ein Herzenswunsch ohne Verfallsdatum.

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Geliebt beim WDR - der Paternoster. (Quelle: WDR)

„Heimlich fuhr ich mit Schwester und Cousine mit der Straßenbahn zum Hansahochhaus in Köln“, erinnert sich ein hochbetagter Kölner, „Ende der 30er-Jahre“. Dort gab es einen Höhepunkt für Kinderseelen: einen Paternoster. „Wir stiegen ein, wenn niemand hinsah.“

15 Stockwerke ging es nach oben, und spätestens dann begann das Abenteuer: „Wir blieben drin – das war verboten – es wurde dunkel, rumpelte entsetzlich, wir empfanden das waagerechte Fahren, das Herz blieb uns stehen.“ Dann kam die Erlösung: Es ging bergab und es wurde wieder hell. Ein herrlicher Nervenkitzel. „Gezeigt hatte uns diesen Spaß mein Vater“, verrät der Zeitzeuge, auch Erwachsene fuhren gern Paternoster.

Paternoster fahren begeistert

Dieselbe Szenerie 40 Jahre später: „Wir mussten uns am Pförtner vorbeimogeln, im Grüppchen von 12-Jährigen liebten wir, ganz herumzufahren“, erzählt ein Experte der Liftbranche. „Der Paternoster knatschte, in Dach und Keller gaben Funzeln fahlgelbes Licht, immer begleitete die Angst, dass jemand gerade jetzt den Aufzug abstellt.“

Paternoster fahren begeistert. Bis in die Weltliteratur hat es der Personen-Umlaufaufzug geschafft. Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll lässt in seiner Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ den Protagonisten im Kölner Funkhaus Paternoster fahren, als tägliches Ritual. Auch der fährt ganz herum, liebt die Hochspannung. „Er brauchte diese Angst, wie andere ihren Kaffee, ihren Haferbrei oder ihren Fruchtsaft brauchen“, schreibt Böll. „Wenn er dann im zweiten Stock vom Aufzug absprang, war er heiter und gelassen.“

Nichts an Faszination eingebüßt

Bis heute hat das altertümliche Beförderungsvehikel an Faszination nichts eingebüßt. In öffentlich zugänglichen Rathäusern stehen Touristen und Schulklassen Schlange, um einmal mitfahren zu dürfen, die verbotene Über- und Unterfahrt gilt macherorts als Mutprobe. Mitte der 90er-Jahre hat sich gar in München der „Verein zur Rettung der letzten Paternoster“ gegründet.

Auch im von Böll zitierten Funkhaus des WDR liebt man den Paternoster nach wie vor. „Er gehört zum WDR“, sagt der Pressesprecher. Der Sender hat denn auch eine Interviewreihe im Hörfunk etabliert, die genau dort spielt. In den „WDR 2 Paternoster“-Gesprächen unterhält man sich im Paternoster, in der besonderen Atmosphäre, dicht beieinander, bei geräuschvollem Rumpeln und Knirschen. Unverwechselbar ist das.

Von Bettina Heimsoeth

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